Reiten oder Rente - Was können alte Pferde leisten?

 

Reiten oder Rente - Was können alte Pferde leisten?

von Dr. Christiane Gohl

 

Wenn Pferde in die Jahre kommen, werden Reiter schnell unsicher. Darf man das über 20jährige Pferd noch reiten? Was kann man ihm zumuten ohne es zu überfordern? Und angenommen, man übernimmt ein älteres Pferd - Kann es noch auftrainiert oder gar für neue Aufgaben geschult werden? Christiane Gohl hat sich mit diesen Fragen beschäftigt.

 

Die Meinungen über die Nutzung alter Pferde gehen in Reiterkreisen weit auseinander. Der eine schickt sein Pferd in Rente, sobald erste Leistungsabfälle erkennbar werden, der andere schätzt die größere Gelassenheit und Abgeklärtheit des älteren Pferdes und nimmt dafür gern kleine Belastbarkeitseinbußen in Kauf. Oft scheiden sich die Geister sogar schon bei der Frage, wann ein Pferd überhaupt als ‘alt’ zu bezeichnen ist.

 

Wann ist ein Pferd ‘alt’?

Statistisch gesehen erreichen Deutsche Reitpferde nur ein Durchschnittsalter von sieben bis neun Jahren. In vielen Reitställen gelten deshalb schon zehn- bis zwölfjährige Pferde als ‘alt’. Im Bereich der klassischen Reitkunst erreicht ein Schulpferd dagegen erst mit ca. 15 die Spitze seiner Leistungsfähigkeit, im Islandpferdesport galt ein Zehnjähriger bis vor einigen Jahren noch als ‘Nachwuchspferd’. Freizeitpferde erreichen oft ein hohes Alter von bis zu dreißig und mehr Jahren. Mit echten ‘Altersbeschwerden’ wie Arthrosen, Senkrücken und anderen Abnutzungserscheinungen des Bewegungsapparates ist dabei kaum vor dem zwanzigsten Lebensjahr zu rechnen. Die statistikprägenden Todesfälle gehen in der Regel nicht auf ‘Altersschwäche’, sondern auf sportliche Überforderung in jungen Jahren zurück, wobei nicht nur physische Überanstrengung, sondern auch Stressfaktoren bei Sportpferden gezählt werden sollten. Grundsätzlich muss Turniereinsatz die Lebenserwartung eines Pferdes allerdings nicht negativ beeinflussen. Besonders Dressurpferde können bei guter Gesundheit ein geradezu biblisches Alter erreichen.

 

Wie belastbar sind alte Pferde?

Die Lebenserwartung und die Belastbarkeit im Alter sind beim Pferd wie beim Menschen nicht unerheblich von genetischen Faktoren bestimmt. Wie es topfitte menschliche Achtzigjährige gibt, baut auch noch mancher zwanzigjährige Vierbeiner Bocksprünge in jede Galoppade ein. Andererseits schaltet mancher sechzigjährige Mensch und manches fünfzehnjährige Pferd bereits ‘auf Schongang’. Bei Pferden gibt es traditionell langlebige Pferderassen, wozu z. B. nordische und britische Ponys zählen. ‘Ausnahmeerscheinungen’, die bei bester Gesundheit dreißig werden und dabei auch noch zwanzig Fohlen zur Welt bringen oder eine erfolgreiche Turnierkarriere bestreiten, finden sich allerdings in jeder Rasse. 

Neben den genetischen Faktoren wirkt das mehr oder weniger ‘gesunde Leben’ bestimmend, das in jungen und mittleren Jahren geführt wurde. Schlanke, sportliche Menschen bzw. vernünftig trainierte und artgerecht gehaltene Pferde haben eine höhere Lebenserwartung und sind im Alter belastbarer als ‘Couch- bzw. Box-Tomatoes’. Dabei hat sich ruhige, regelmäßige Belastung als die gesündeste erwiesen. Es ist kein Zufall, dass Wander- und Trekking-Pferde oft bis weit in die Zwanziger voll belastbar sind und auch Höchstleistungen im Distanzsport eher von 15- bis 20jährigen, denn von Youngsters unter 10 bestritten werden. Auch für ältere Pferde gilt also „Wer rastet, rostet“. Ein Pferd nur deshalb von einem Tag zum anderen ‘in Rente’ zu schicken, weil es eine bestimmte Altersgrenze erreicht, ist ganz sicher falsch.

 

Sinnvolle Arbeit mit älteren Pferden

Freizeitpferde wechseln im Allgemeinen seltener den Besitzer als Sportpferde. Die meisten werden in den Händen ihrer langjährigen Reiter/innen alt, also in der Obhut von Menschen, die sie gut kennen. Die Anpassung der Reitbelastung an das Alter des Pferdes geschieht dann meist ganz automatisch. Reiter und Pferd sind so aufeinander eingespielt, dass Rücksichtnahme selbstverständlich ist. Auch kleine gesundheitliche Probleme werden in der Regel schnell erkannt, der Tierarzt kennt das Pferd seit Jahren und setzt auf Wunsch des Reiters angemessene Diagnose- und Behandlungsmaßnahmen ein. Die moderne Medizin verfügt über viele Möglichkeiten, auch bei Pferden Altersbeschwerden zu lindern. Die weitere Reitnutzung des Tieres sollte mit dem behandelnden Tierarzt abgesprochen werden, möglichst unter Einbeziehung von Überlegungen zur Psyche des Vierbeiners: Auch wenn das Pferd nicht mehr ganz fit ist, mag es leichte Arbeit weniger belasten als endloses Nichtstun im Auslauf. Dies gilt vor allem für lebenslang aktive, aufgeweckte und bewegungsfreudige Pferde. Für sie kommen natürlich auch Alternativen zum Reiten infrage, wie etwa Bodenarbeit oder Spaziergänge. TTEAM-Arbeit oder Natural Horsemanship kann auch noch alten Pferden Spaß machen und strengt sie nicht unnötig an. Bewegung an der Longe oder in engen Roundpens belastet den Bewegungsapparat dagegen stark. Ideal ist auf jeden Fall die Mitnahme als Handpferd. Das sorgt sowohl für ‘Fitness’ als auch für Abwechslung vom Auslauf.

‘Abgeklärte’ ältere Pferde sind oft auch gute Lehrpferde für Kinder und Jugendliche. Das gilt zwar nicht global - es gibt durchaus Pferde, die sich durch die Gesellschaft der Kinder weniger geschmeichelt als genervt fühlen! - aber viele mögen es doch, vom Nachwuchs ausgiebig ‘betüdelt’ zu werden. Sie bringen dann schier endlose Geduld auf, wenn die Kleinen an ihnen herumputzen, sie führen und reiten. Ein kleines ‘Leichtgewicht’ trägt auch ein Pferd mit angegriffenem Bewegungsapparat noch gern und ohne Beschwerden spazieren. Wichtig ist hier immer die Absprache mit dem Tierarzt: Alter als solches ist keine Krankheit, aber auf altersbedingte Beschwerden muss Rücksicht genommen werden. Das gilt im übrigen nicht nur für Bewegungsprobleme, sondern auch für den Herz-Kreislaufapparat. Ein altes Pferd muss nicht unbedingt mit auf den sommerlichen Tagesritt,  und bei schwülwarmem Wetter sollte auf längere Galopps eher verzichtet werden. Die meisten Pferde machen hier allerdings schon von selbst deutlich, wann sie sich überfordert fühlen. Man tut gut daran, auf ihre Signale (Bewegungsunwille, Sich treiben lassen) zu achten, auch wenn Mitreiter lästern, der ‘Senior’ wäre nur ‘verwöhnt’.

 

Das ‘neue’ alte Pferd

Insgesamt schwieriger wird es, wenn ein Reiter ein älteres Pferd ‘neu’ übernimmt, womöglich noch eines, das jahrelang ungearbeitet herumgestanden hat. Hier ist zunächst ein Gesundheitscheck angebracht. Fällt der zufriedenstellend aus, so kann das Pferd durchaus noch auftrainiert werden. Wichtig ist dabei allerdings, langsamer voranzugehen als bei jungen Pferden. Muskeln und Sehnen des älteren Tieres sind nicht mehr so flexibel wie der Bewegungsapparat des jüngeren. Sie brauchen mehr Zeit und Aufbauarbeit um sich an die neue Belastung zu gewöhnen. Das gilt auch und besonders für dressurmäßige Arbeit. Gymnastizierung ist zwar unerlässlich, aber das alte Pferd braucht mehr Übung, bis Biegungen und Seitengänge wirklich klappen. Es sollte vor schwierigeren Dressurlektionen auch gründlicher aufgewärmt werden. Beim nicht ganz gesunden Tier muss man hier auch häufig Abstriche machen. Vielleicht ist es nicht mehr bis in den Bereich der L- oder M-Dressur förderbar, aber selbst wenn man nur E- oder A-Niveau erreicht, wird das Pferd dadurch flexibler und auch im Gelände sicherer und schöner reitbar. Das gilt übrigens auch für Zirkuskunststücke. Es gibt durchaus zwanzigjährige und ältere Pferde, die körperlich und geistig noch flexibel genug sind, Zirkuslektionen zu erlernen. Wenn sie bislang allerdings nicht regelmäßig gymnastiziert worden sind, fehlt es oft einfach an der Beweglichkeit für Aufgaben wie etwa das Kompliment. Auch zeigt nicht jedes alte Pferd mehr Lust am ‘Spielen’. Dann ist Rücksichtnahme angesagt. Ein altes Pferd ist nur noch begrenzt formbar, auch das hat es mit älteren Menschen gemeinsam.

 

Alte Pferde kaufen?

Der traditionelle reiterliche Lehrsatz ‘Alter Reiter - junges Pferd, Junger Reiter - altes Pferd’ gilt auch heute noch. Kinder und erwachsene Reitanfänger sind mit einem älteren Pferd fast immer besser beritten als mit einem ‘jungen Hüpfer’. Dabei kann es sich durchaus um ein Pferd zwischen 17 und 20 handeln. Ist das Pferd bei guter Gesundheit, ist sogar noch Turniereinsatz möglich. Im Ponysport gilt es als ‘Geheimtipp’, Nachwuchsreiter auf alte Erfolgspferde zu setzen. Die sind abgeklärt genug, ihnen die richtige Hilfengebung gründlich beizubiegen - Es ist ein Irrglaube, ein gutes Dressurpferd mache ‘alles von selbst’. In Wirklichkeit bewegt es sich nur auf ‘Knopfdruck’, wenn die absolut richtigen Hilfen gegeben werden. - und bringen die zum Erfolg nötige Gymnastizierung, Muskulatur und hervorragende Ausbildung obendrein schon mit. So mancher ‘Crack’ trägt im Laufe seines Lebens fünf Kinder und mehr durch diverse Meisterschaften. Ob man das befürwortet oder nicht, sei dahingestellt - die Pferde selbst sehen es unterschiedlich. Vom genervten ‘Schon wieder ...’-Blick bis zum begeisterten Wiehern, wenn die neue Besitzerin aus der Schule kommt, kann alles beobachtet werden.

Als Lehrpferde sind ältere Tiere jedenfalls unübertroffen, grundsätzlich kann ihrem Kauf also eher zugeraten werden. Man sollte sich dabei allerdings klar machen, dass der eigene Stall die letzte Station für dieses Pferd sein muss. Es noch einmal wegzuschicken, wenn es einem die reiterlichen Grundlagen erst mal vermittelt hat, ist ethisch unverantwortlich. Erst recht, wenn die Begründung dafür ‘Aber ich könnte nicht zusehen, wie er dann eingeschläfert wird ...’ lautet.

Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass das alte Pferd auf keinen Fall ein ‘Schnäppchen’ ist. Was man beim Kauf spart, wandert hinterher in höhere Tierarzt- und Unterhaltungskosten.

 

Glück mit alten Pferden

Im Leben eines jeden Reiters gibt es Ritte und Situationen, die sich unauslöschlich einprägen. Für mich gehört dazu ein gemeinsamer Ritt mit meiner Freundin auf ihrem fünfundzwanzigjährigen Isländer Barki, ich selbst saß auf der zwanzigjährigen Hrifla. Es war ein Frühlingstag, beide Pferde standen perfekt an den Hilfen, trabten und tölteten am durchhängenden Zügel, scheuten vor nichts, konnten fast durch unsere Gedanken gelenkt werden. Wir Reiterinnen ließen uns derweil über den ‘Jugendwahn’ in Pferdekreisen aus. Was gab es schließlich Schöneres, als einen Ritt auf dem alten, vertrauten Pferd, dessen Leben wir von Jugend an begleiten dürften? Hrifla und Barki sind beide im Jahr danach gestorben, aber spätestens seit jenem gemeinsamen Ritt wissen wir, dass jeder Tag mit einem alten Pferd ein Geschenk ist. Der ‘Senior’ ist vielleicht kein ‘Sportpartner’ mehr und sicher kein ‘Leistungsträger’, aber das Zusammensein mit ihm kann ebenso viele reiterliche ‘Highlights’ bieten wie die Arbeit mit einem Jungpferd.

 

 

Anzeichen von Überforderung - nicht nur bei alten Pferden!

•             Hohe Atem- und Pulsfrequenz (über sechzig Pulsschläge oder Atemzüge in der Minute), die bei Pausen nicht innerhalb weniger Minuten absinkt

•             Starkes Schwitzen

•             Muskelzittern

•             Meist Bewegungsunwille, Triebigkeit. Aber Vorsicht: Fleißige Pferde steigern sich auch schon mal in einen ‘Laufrausch’ hinein und bemerken ihre Erschöpfung nicht. Pferde mit ‘Angsttemperament’ wagen nicht, ermüdungsbedingt stehenzubleiben.

 

Rente - aber wie?

Kürzlich ging die Nachricht vom Tod eines alten Turnierpferdes durch die Presse. Vermerkt wurde seine Euthanasie in einer Tierklinik, die ihm wohl als ‘Altersruhesitz’ diente. Die Besitzer selbst schienen nicht dabei gewesen zu sein, auf ihrem weitläufigen Anwesen hatte sich ja auch kein Platz für den ‘Rentner’ gefunden. Bei menschlichen Familien würde man hier von ‘Abschiebung’ des verdienten Seniors reden.

Grundsätzlich gibt es diverse Gründe, ein Pferd ‘in Rente’ zu schicken - und viele davon sind schlicht egoistisch. Da hat man ein neues Pferd und folglich keine Zeit mehr für das alte. Die Rücksichtnahme auf das alte Pferd nervt, die Stallmiete kostet - also sucht man irgend einen billigen Pensionsplatz oder irgend eine Weide. Kontrolliert wird die Versorgung des Tieres selten - aus den Augen, aus dem Sinn. Nicht durch Zufall machen sich Betrüger diesen Umstand gern zu Nutze und verschieben ‘Gnadenbrotpferde’ zum Händler oder Schlachter, sobald ihnen der Besitzer den Rücken kehrt. Das Tier hätte diesem ‘Gnadenbrot’ sicher die schnelle Todesspritze durch den Tierarzt vorgezogen!

Echte ‘Altersheime’ für Pferde sind selten, und die Unterstellung darin ist teuer. Das muss sie auch sein. Wer jemals alte Tiere versorgt hat, weiß, dass ihre Haltung aufwendiger und teurer ist als die der jüngeren. Wer sein Pferd wirklich liebt, wird es zudem lieber selbst versorgen. Besser als ‘Heimunterbringung’ ist also der Offenstallplatz zusammen mit dem Nachwuchspferd - und auch ein langsames Ausklingen des ‘Arbeitslebens’. Warum nicht ein kurzer Ritt in der Woche? Öfter mal Mitlaufen als Handpferd, Herumführen unter einem Kind, vielleicht ein kleines ‘Pflegemädchen’, das täglich zum Putzen und Schmusen kommt und dafür am Wochenende mit auf kurze Ausritte darf. Auch Spaziergänge mit Pferd machen Spaß. Bei Menschen hat sich Passivität im Ruhestand längst als tödlich erwiesen. Bei Pferden ist es ähnlich. Lassen Sie also auch Ihren Rentner nicht ‘versauern’, sondern sorgen Sie für ein schönes, erfülltes Pferdeleben. 

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